Collodium-Wetplate-Verfahren – ein Anwender im Interview

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Jan 10th, 2012
nassplatte-feat

Nassplattenfotografie – genau genommen, dass Collodium-Wetplate Verfahren. Was das ist? Ich hatte bis vor einigen Monaten keine Ahnung. Ich wusste, früher hatte man Bilder auf Glas aufgenommen. Wie? Keine Ahnung. Umso genialer war es, als Dominic, mein Kommilitone im EVA-Lehrgang am PMF Kiel (der ja sowieso sehr analog verliebt bis dato war [also der Dominic]), mit etwas völlig neuem aufschlug. Der hatte doch tatsächlich da Glasplatten mit Bildern drauf.
Kurzer Hand entstand in dem Unterrichtsblock neben einigen Bildern auch ein Video über die Arbeit mit der Technik – das genügte mir aber nicht – also habe ich mir den Herrn Packulat geschnappt und zum Interview bestellt. Er berichtet, wie das Verfahren funktioniert, wo die Stolpersteine liegen und was ihn daran fasziniert.

 

Hi Dominic, stell dich doch bitte kurz vor.

Hallo Calle ;)
erst einmal danke ich dir für die Zeit, die du der „alten Fotografie“ und mir opferst.
Mein Name ist Dominic, geboren in Frankfurt am Main, 22 Jahre jung. Ausgebildeter Bürokaufmann und nun nur noch ein Jahr zur Gesellenprüfung als Fotograf. Zurzeit wohne ich im schönen Hamburg.

 
Seit wann fotografierst du und was reizt dich an dem Medium?

Die Fotografie ist nun seit 5 Jahren mein ständiger Begleiter. Das Medium Fotografie ist ein großer Teil geworden, wie ich mich, meine Gedanken und Fantasien ausdrücke. Es ist das Spiel vor der Kamera, das Inszenieren, die Motive zu finden die bewegen, zum Nachdenken anregen oder einfach nur zum Träumen einladen. Die Herausforderung in der Fotografie ist es ein Motiv zu finden, was es noch nicht gegeben hat.

 
Du bist seit einiger Zeit analog unterwegs- und neuerdings fotografierst du sogar auf Collodium-Nassplatte. Wie kam es dazu?
 
Mit dem Kauf meiner Hasselblad 500c war die Neugierde geweckt Filme selbst zu entwickeln und damit war der Startschuss für die analoge Liebe gegeben.
Der Ansporn mit einer 150 Jahre alten Technik zu fotografieren, bei der man von Grund auf alles was zu einem Bild gehört selbst herstellen muss, kam in einem unserer Schulblöcke. Thema Produktfotografie. Bei einer Fotografie, die ich mit Feuer und analog umsetzte, bekam ich bei der Endbesprechung zu hören, dass das Feuer nur wie ein schlechter Photoshopeffekt aussehe. Der Grundstein war gelegt. Wieso dem Ehrgeiz nach gehen und analog fotografieren, wenn man es durch das Einscannen dann doch wieder digitalisiert und dann auch noch auf einem Blattpapier ausdrucken zu müssen?
Ich nahm mir vor diese Technik soweit zu beherrschen wie nur möglich und mein Gesellenstück damit umzusetzen. Mittlerweile habe ich 6 Testläufe hinter mir und es geht mit viel Erfolg voran.

 
Was sind aus deiner Sicht die elementaren Unterschiede zwischen analoger und digitaler Fotografie?

Der elementarste Unterschied wird sein, das die digitale Fotografie verdammt schnell ist und sein muss, ansonsten verdient man mit ihr kein Geld. Hingegen in der analogen Fotografie – wenn jemand ein echtes S/W auf einem Silbergelatine Filme haben möchte und davon auch noch eine handgemachte Vergrößerung auf feinstem Barytpapier haben möchte, der weiß von Anfang an das sein Endergebnis etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Der Druck und die Geschwindigkeit, die in der digitalen Welt herrschen, ist der Wahnsinn. Eigentlich kein Wunder, das man dann lieber für ein Motiv 300 Bilder macht und am Ende das Richtige auswählt anstatt sich einen Moment mehr Zeit für die richtige Einstellung zu nehmen.
 

 

Noch einmal zurück zum Collodium-Wetplate Verfahren. Im Video sieht man den Ablauf einer Aufnahme – kannst du den noch einmal grob skizzieren?

Wie bei einem Film gibt es ein Trägermaterial, eine schwarze Glasplatte. Auf dieser Glasplatte wird eine Collodiumlösung aufgetragen, welche als „Gelatine“ dient. Diese beschichtete Platte wird für einige Zeit in ein Silbernitratbad gelegt, wo dann die Glasplatte sensibilisiert wird, sprich das Silber legt sich auf der Collodiumschicht ab. Da dieses Material einen Asa-Wert von 1-3 hat und dazu überwiegend Blau- und UV- Licht empfindlich ist, befindet sich die Belichtungszeit schnell bei über 30 Sekunden, wenn man mit einfachen Dauerlicht Lampen arbeitet. Die Arbeit mit ARRI Lampen macht es dann schon um einiges einfacher. Der Reiz an dieser Technik ist nicht, dass man eine perfekte Fotografie herstellt, sondern wie bei einem alten Polaroid die Fehler die entstehen.

 
Viele ‘Analogisten’ scheuen das Nassplattenverfahren, weil einige Materialien bzw. die Chemie nicht ganz ohne sind. Hast du Sicherheitsvorkehrungen getroffen oder hast du sogar manche Chemikalien komplett ausgeschlossen?

Natürlich habe ich diese getroffen. Früher waren es oft Zufälle, die etwas Neues zutage brachten (wie Z. B. die Fixierung einer Daguerrotypie durch Quecksilber). Für eine Glasplatte brauche ich ein paar Latexhandschuhe. Vor allem aber beim Zubereiten der Lösungen ist es wichtig mit einer Feinstaubmaske zu arbeiten. Die kristallinen Chemikalien sind hochgiftig und können Krebs erzeugen. Ich arbeite mit einem originalen Rezept von 1934 und diese Version ist schon abgeschwächt, was die Gefährlichkeit angeht. Manche schwören auf das Fixieren mit Cyankali (eine kleine Menge reicht für den Tod), welches mit Essigsäure, Blausäuregas bilden kann, was den schnellen Tod heißen würde.

 
Wenn du ‘On-Location’ fotografierst bzw. dort, wo keine Dunkelkammer in der direkten Nähe ist, hast du ein Problem, weil die Platten ja möglichst unverzüglich entwickelt werden sollten. Wie löst du dieses Problem und wie groß, ist der Aufwand dabei tatsächlich?

Man muss kreativ sein. Ich habe mir Ende letzten Jahres eine Dunkelkammer aus einem alten Kamerakoffer gebaut. Dieser ist kompakt und kann überall mit hingenommen werden. Der Aufwand ist größer und etwas unbequemer, aber den Luxus einer Dunkelkammer hat man nun mal nicht immer. Wichtig ist die Dunkelheit für das Sensibilisieren, das Einlegen der Glasplatte und für das Entwickeln.

 
Die Zeiten der analogen Fotografie scheinen mehr und mehr gezählt zu sein. Einige Produkte kriegt man schon gar nicht mehr, andere wiederum werden gerade verkauft oder bald eingestellt. Machst du dir sorgen, dass die analoge Fotografie bald schon von der Bildfläche verschwunden sein könnte?

Letztens habe ich zu meinem Chef gesagt, dass ich viel zu spät auf die Welt gekommen bin, weil ich schon einiges der analogen Welt gar nicht mehr probieren kann. Aber ich glaube heute ist genau das mein Vorteil, die Masse an Möglichkeiten ist einfach nicht mehr vorhanden und so werde ich meinen Platz am Markt finden. Ja – es ist bedrückend zu sehen wie die Filme teurer werden und Filme vom Markt genommen werden. Aber das was die Erfinder der Fotografie gemacht haben, wird immer möglich sein.

 
Danke Dominic für das Interview – ich wünsche dir alles Gute und viel Erfolg für das Jahr 2012.
Vielen dank Calle für dein Interesse, deinen Lesern einen Einblick von ein bisschen „anderer“ Fotografie zu zeigen!

 

Dominic Packulat Photo & Art – Facebook Fanpage

Domonic Packulats Homeplage

 

Hier noch einige Bilder:

         

 

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1 Comment

  • [...] ein schönes Interview, vielen dank dem Team von addicted2photos und vor allem Calle [...]

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