Ich werde Fotograf – die zweite Woche EVA #2

September 12, 2010
Calle Hackenberg

Heute steht Teil 2 beziehungsweise Woche 2 der Serie “Ich werde Fotograf (Woche 1)” auf dem Programm. Logischerweise waren in Woche zwei schon mal einige Dinge deutlich mehr gefestigt, als sie noch in Woche eins waren, seien es die Namen der anderen Schüler, ihre Lebensläufe (die wir in gefühlten 30 Kennenlernrunden durchexerziert hatten) oder etwa der grobe Tagesablauf. Dieser Tagesablauf wurde primär durch den Stundenplan vorgegeben, der sich jede Woche ändert. So kommt es zu einer ständigen Rotation. Diese Rotation ist äußert flexibel, ist der Dozent X mit seinem Projekt noch nicht fertig geworden in der letzten Woche bekommt er einfach in der nächsten Woche entsprechend auch Stunden zugeteilt. So was war bei mir am Gymnasium die absolute Ausnahme. Ich empfinde den wöchentlichen Wechsel und die damit verbundene Abwechslung als sehr angenehm, ob das aber jedem zusagt, weiß ich natürlich nicht, der Mehrzahl unseres Kurses gefällt es aber außerordentlich gut. Eine Sitenote die ich im letzten Bericht vergessen hatte lasse ich hier mal fallen – jeder Schultag besteht aus durchschnittlich 8 Stunden Schule (echte 8 Stunden). Diese werden jeweils in Doppelstundenblocks gepackt, zwischen diesen 1,5h langen Doppelstundenpaketen sind dann immer Pausen. Mittags gibt es dann immer noch eine Mittagspause, wo man in der Mensa dinieren kann oder sonst wo es einem beliebt. Da die Lehrer und Schüler aber interessiert sind am unterrichten und lernen sind die Stundenpläne eher grobe “Richtwerte”, denn sollte man gerade richtig in Fahrt sein im Studio oder in Photoshop noch die Luminanzmaske zuende erklären wollen, so wird einfach überzogen. Das stört weder Schüler noch Dozent, es freut eher beide. Aber genug eingangsblabla, auf in die Woche Nr. 2


Montag:

Die Woche startete mit einem ganzen Tag Frank Becker Power (hier findet ihr ein Gesicht zu den Dozenten) im Studio. Der gesamte Tag stand im Fokus des Themas Porträt. Angefangen mit einer kurzen Wiederholung von Lichtmessung und Objektmessung mit einem Belichtungsmesser. Weiter ging es dann mit einer Reihe von klassischen Lichtsetups wie etwa Volllicht, Schlanklicht, Butterfly (Hollywoodlicht), Rembrandtlicht und Teilungslicht. Das Ganze wurde zunächst an einer Puppe uns gezeigt, die Wirkung und der Eindruck besprochen. Anschließend wurde dann immer noch gezeigt, wie man mit einem weißen Reflektor einzelne Partien des Gesichtes gekonnt hervorhebt. Als wir dann durch waren mit den verschiedenen Beispielen gab es die Aufgabe alle eben gezeigten Setups selber umzusetzen, jeweils einmal ohne Reflektor zum Aufhellen und jeweils einmal mit. Anschließend sollten wir dann noch als zweite Aufgabe eines der bereits genannten Setups verwenden und um einen weiteren Blitz für den Hintergrund erweitern und die Fotos jeweils auch verschiedenen Höhen aufnehmen. Gesagt getan!


Dienstag:

Wie auch letzte Woche starteten wir auch am Dienstagmorgen mit Betti Bogya in den Tag – das Fach: Gestaltung und Kommunikation. Thema heute: Linienführung. Nachdem erst mal besprochen wurde was das eigentlich ist diese “Linienführung”, wozu sie da ist und was man möglichst vermeiden sollte (z.B. der Klassiker, stürzende Linien an Gebäuden), ging es dann in die Vollen. Das hieß nichts anderes als Bilderbesprechung. Die Schüler hatten reichlich Bildmaterial mitgebracht, sodass der Rest der Doppelstunde wirklich nur noch zum Besprechen unserer Bilder genutzt wurde. Das war für mich durchaus hilfreich von einem Profi direkt gesagt zu bekommen, was wo an welcher Stelle besser gemacht werden könnte und was so schon gut ist. Des Weiteren beschränkte sich die Analyse der Bilder nicht nur auf Linienführung, sondern auch auf weitere gestalterische Aspekte wie etwa das verwendete Format. Mit einer Diskussion darüber ob, und wie man digital ein Format beschneiden darf oder sollte endete die Doppelstunde und wir gingen alle rüber ins Studio. Dort wurden wir dann von Frederieke Coring angewiesen uns zwei Koffer zu schnappen, in welchem sich zwei Portysysteme von Hensel versteckt hatten. Nach einer kurzen Erläuterung darüber wie Portys zu verwenden seien ging es dann auch schon mit der Aufgabe los – zwei Fotos sollten erstellt werden. Die 8 Schüler wurden in zwei Gruppen geteilt, die eine Gruppe bekam den Koffer mit der Portyausrüstung für hartes Licht, die andere Gruppe den Koffer mit weichem Licht (und einem saucoolen Ringblitz!). Die genau Aufgabe war – erstelle jeweils ein Foto zum Thema “Action”, einmal mit hartem und einmal mit weichem Licht. Für ein Foto (pro Station, also Koffer) hatte man 5-7 Minuten Zeit. Das hieß nichts anderes als Zeitdruck. Glücklicherweise hatte ich relativ fix eine Location gefunden und konnte direkt loslegen – die Idee für die Bilder hatte sich schon vorher auf dem Weg zur Location zusammengesetzt. Letztlich war ich an jeder Station (also einmal beim harten Lichtsetup und einmal beim weichen) binnen 5 Minuten durch. Kurze Anmerkung: So ein Ringblitz ist schon geil! Als dann alle durch waren (oder eben auch nicht wegen dem kleinen Zeitfenster) ging es in die Mittagspause.
Nach der Mittagspause waren alle Bilder schon geprintet und es ging zu einer Nachbesprechung, in welcher besprochen wurde, welche Perspektive geeignet ist für Aktionfotos, welche nicht und wie man mit dem Porty noch besser arbeiten kann und dabei nicht das Umgebungslicht ausschließt, sondern mit in die Bild einfließen lässt.

Daran anschließend gab es dann von Herrn Christ, im Fach Wirtschaft, einen Ausflug in die Preisangabenverordnung in Deutschland, die Mehrwertsteuer und einen kurzen Exkurs in die Rechnungsschreiberei, so nenne ich das mal. Quasi wie man eine richtige tabellarische Rechnung für die Kunden erstellt mit gekennzeichneter MwSt. Interessant das ich sowas in 13 Jahren am Gymnasium niemals gesehen habe.. aber hey dafür kann ich im imaginären Zahlenraum rumrechnen.


Mittwoch:

Hemmstedt André. Ein durch und durch der Fotografie verschriebener Mensch. Konzeptionell orientiert, genial, frei, frisch, humorvoll, innovativ, spontan, offen, kreativ, nett und kompetent – was für ein Typ (wer mir nicht glaubt der schaue hier). André hatten wir schon beim gemeinsamen Abendessen in der ersten Woche kennengelernt und nun hatten wir ihn das erste Mal im Unterricht. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde (wie bei jedem neuen Dozenten) berichtete er, wie er zur Fotografie gekommen war – über seinen Vater, der selber Fotograf ist.
Anschließend erklärte uns André was für heute auf dem Plan stand, nämlich nichts anderes als ein Klassenfoto. Äh Moment mal, ein Klassenfoto? Ja, ein Klassenfoto. Aber kein normales Klassenfoto. André zeigte uns, was die letzten EVA-Lehrgänge so als Klassenfoto erstellt hatten. Da war ein Kurs der hatte das Photo+Medienforum fotografiert (also das Gebäude) und hatte die Fenster ausgeschnitten und hatte in diese absurde Szenen eingearbeitet, wie etwa rausfallende Menschen und so etwas. Ein anderer Kurs wiederum hatte eine Fotokabine im Studio gebastelt und hatten sich dann nacheinander reingesetzt und dann die entstandenen Bilder zusammencollagiert.
Die Aufgabe war klar und wir gingen direkt mal an die gedankliche Umsetzung und Ideenfindung. Da kam einiges zusammen unter anderem hatten wir ein Ideenkonstrukt gebaut basierend auf der biblischen Geschichte von Adam und EVA. Allerdings haben wir uns dann dazu entschlossen die Idee zu verwerfen, weil sie eventuell doch etwas negativ interpretiert werden kann. Letztlich teilten wir acht uns in zwei 4er Gruppen auf. Die eine Gruppe erarbeitete ein Foto (oder eine Collage eher), die das Schiff “EVA” als Thema hatte, auf dem wir alle als Matrosen unterwegs waren. Die andere Gruppe orientierte sich am klassischen Biologiebuch und an Charles Darwin “Origin of Spicies“. Die weltberühmte (schon mehrfach veräppelte) Grafik der Evolution des Menschen vom Affen zum aufrecht gehenden Menschen wurde fix auf die Fotografie umgemünzt und auf verschiedene Positionen beim Fotografieren bezogen. Ich befand oder befinde mich (nach wie vor) in der EVAlution of Men Gruppe. Als dann die Ideen wirklich ausgefeilt waren, wurde dann entsprechend das Studio hergerichtet, Licht gesetzt und Requisiten organisiert. Einige Posingprobleme wurden dann offensichtlich, konnten aber recht zügig gelößt werden. Nachdem wir dann alle Fotos schon beim tethered shooten direkt am Mac kontrolliert hatten waren wir zumindest mit den Fotos fertig und gingen fröhlich heim.


Donnerstag:
Nach einem bekannten Kinderbuch donnert es immer Donnerstag oder es sollte zumindest donnern, wenn man Wunschpunkte haben will. Einige Schüler hatten sich sicherlich ein paar Wunschpunkte herbeigesehnt beim Blick auf den Stundenplan – warum? Die fast schon erblich bedingte Angst vor dem Fach Mathematik. Bei 75% der Schüler die dieses Fach auf ihrem Stundenplan lesen denken erst mal an spontan “krankmachen”. Ich gehörte nicht zu diesen 75%, eventuell auch, weil ich nichts Böses erwartete, da ich ja bereits das reinste böse – den Mathematik Leistungskurs am Gymnasium hinter mich gebracht hatte (obwohl ich das Fach nicht leiden kann, aber das ist eine andere Geschichte). Trotzdem war ich etwas erstaunt, denn keiner fehlte am Donnerstagmorgen, als wir uns alle bei Herrn Dietschmann versammelten, um “Technische Mathematik” als Doppelstunde hinter uns zu bringen. Der Unterricht gestaltete sich als sehr angenehm, nicht zuletzt weil der Herr Dietschmann ein Spaßvogel ist, sondern auch weil der Stoff einfach ist und Herr Dietschmann gut erklären kann. Am Ende der Doppelstunde gab es keinen Schüler, der mit zittrigen Knien aus dem Raum ging und jammerte das Er das niemals Schaffen würde, eher das Gegenteil, einige waren beeindruckt, wie viel Mathematik sie doch verstehen.
An die Doppelstunde von Herrn Dietschmann schlossen vier Doppelstunden von Michael Nagel an, von dem ich ja bereits im ersten Artikel berichtet hatte. Wie das letzt Mal auch, kam Michael gut gelaunt reingeschneit mit einem Stapel Koffer unter den Armen, in denen sich weitere, noch nicht von uns inspizierte Kameras befanden. Die Stunden waren wie die Woche davor schon sehr informativ. Wir lernten unter anderem wie die verschiedenen Autofokusfunktionen im LiveView funktionieren, warum Nikon Kameras deutlich kürzere Videos aufnehmen kann als Canon, was für verschiedene Stabilizer Typen es gibt und sprachen über das FourThirds-System. Technik, Technik und noch mehr Technik, aber verständlich und nicht trocken rübergebracht. Wirklich genial, zumal wenn man dann mal einen Prototyp des Stabilisators der Sony Alpha Reihe zu Gesicht bekommt und hautnah sieht, wie er funktioniert. Eindrucksvoll! Nebenher sprach man dann noch kurz über die Canon 60D, die ich ja damals schon direkt für mich (als Nachfolger meiner 50D) abgeschrieben habe. Techniktalk als Fach, ist schon irgendwie geil. Mit einem kurzen Anreißen von verschiedenen Kompressionsmethoden bei Videos beendeten wir dann den Donnerstag.


Freitag:

Los ging es mit einer Doppelstunde Politik mit Herrn Radzuweit, mit dem wir uns den Weg zur Sozialversicherung, den Strukturwandel der drei (oder vier) Arbeitssektoren und den demografischen Wandel in Deutschland anschauten. Hierbei entflammte dann eine Diskussion zwischen zwei Schülern (mir eingeschlossen) und dem Dozenten, ob es einen 4. Sektor, den quartären Sektor gebe oder nicht. Nachdem wir dann uns darauf geeinigt hatten alle noch mal zu recherchieren machten wir weiter und schauten uns die ersten gewerkschaftsähnlichen Strukturen an. An diesem Punkt endete aber auch schon die Doppelstunde, denn unser Kurs ist bei politischen Diskussionen mehr als aktiv, quasi hyperaktiv, deshalb verbrachten wir viel Zeit mit der Diskussion darüber, wie Deutschland sich zukünftig auszurichten hätte.
Nach der Doppelstunde und dem obligatorischen Morgensnack (den es jeden Tag umsonst gibt) ging es dann ins MacLab (Mac-Raum). Dort erwartete uns dann Frank Sperling, der uns wiedermal vollknallte mit Photoshop, Bridge, ACR und Lightroom-Know-how. Themen waren unter anderem Verschlagwortung, Präsentation, Ordnerstrukturen, Unterschiede zwischen Lightroom und Bridge, Basiswissen zum RAW-Format und die Basisfunktionen von Adobe Camera Raw. Warum vor allem die Kenntnisse über das Programm selbst und die Bearbeitung selbst eher im Hintergrund stand, wurde mir erst am Ende klar, als Frank Becker vorbeischaute und uns den neuen Stundenplan reinreichte. Denn für die nächste Woche stand bis auf Freitag vier Tage lang non-Stop-Photoshop auf dem Programm mit
Matthias Matthai

Hier eines der Ausgangsbilder für unser EVAlution of Men Projekt.

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  1. Michael Schilling says:

    [b]Kurz und knapp: Mehr davon, viel mehr![/b]

    Das Herz schlägt viel schneller, wenn man liest, was für eine praxisbezogene Ausbildung Du absolvierst.

    Von daher möchte ich Dein Ausbildungs-Tagebuch von der ersten bis zur letzten Woche lesen können. Und dies völlig unabhängig von der Anzahl der Kommentare.

    Blog-Kommentare von mir muss man eh Suchen, wie die Nadel im Heuhaufen. Calle, Du hast es geschafft mir einen aus den Rippen zu leiern. ;-)

    Mach weiter, bitte!

  2. Franz Stübl says:

    Wieder sehr schöner Bericht. Freue mich auf WEITERE Beiträge. Noch eine kurze Frage zu der Ganzkörperaufnahme Eures EVAlution of Men Projekt. Könntest Du etwas zu dem Lichtsetup und der verwendeten Brennweite sagen. Vielen Dank.

    LG

    Franz

  3. Danke Franz.

    Zu deiner Frage wegen dem Lichtsetup, wenn ich mich recht entsinne haben wir mit einer Oktagon 108 von links und rechts einer 90×60 Softbox. Aber ich bin mir da nicht mehr 100% sicher, beschrieben aus der Sicht des Fotografen.
    Verwendet wurde durchgängig eine Canon 5D Mark2 mit dem 85mm 1,2 USM L.

    Das fertige Projekt zeige ich hier auch die Tage, versprochen. Das war nämlich nur der Anfang des Ganzen.

  4. Also der Gute hat eindeutig KEIN 85/1.2 dran. :-) )

  5. Nein, der Gute Herr Herrmann, hat ein 17-40er L von Canon an meiner 50D + Batteriegriff auf dem Bild in der Hand.

    Die Bilder selbst über die Fotografen wurden aber mit dem 85mm 1,2 gemacht ;)

  6. [...]  Teil 1 und Teil 2 der bisherigen Serie) [...]

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