Es wird mal wieder Zeit, dass ich einen neuen Beitrag verfasse. Und aus gegebenem Anlass (meine DSLR hat gerade irgend einen ungeklärten Knacks) werde ich ein Analogspezial starten. Das ganze wird sich wieder auf Grund der Menge über mehrere Beiträge erstrecken, allerdings werden die Abstände zwischen den Beiträgen diesmal etwas länger, da das Entwickeln der Negative, “einscannen” etc. nicht unerheblich viel Zeit kostet. Da KB ja eigentlich fast schon langweilig ist, werde ich euch vor allem etwas über Mittelformat und eventuell, sofern ich einen geeigneten Baterieadapter gefunden habe, über Messsucherkameras erzählen (Ok, auch KB aber etwas anders).
Nun aber zum goldenen Mittelformat… Was ist das Mittelformat? Warum gibt es immernoch Leute die es benutzen? Was sind die Besonderheiten und wie ist die Arbeitsweise mit solchen Kameras? All das werde ich euch versuchen kurz und bündig zu erläutern, damit ihr erahnen könnt ,wie das Gefühl ist, mit einer solchen Kamera Bilder zu machen.
Zunächst einmal ein klein wenig Technikgeplänkel:
Das Mittelformat beschreibt die Filmgröße zwischen Kleinbild 3,5 x 2,4 cm und Großformat (alles > 9 x 12 cm). Die gängigsten Formate sind: 6 x 4,5 cm, 6 x 6 cm und 6 x 7 cm. Daneben gibt es selbstverständlich noch einige andere Formate, auf diese werde ich jetzt aber nicht eingehen, da sie eher eine untergeordnete Rolle spielen. Es sei noch das Panoramaformat 6 x 17 cm zu erwähnen, aber selbst das ist höchst selten geworden (Linhof Technorama Kameras z.B.). Das Ganze wird auf einem Rollfilm belichtet. Dieser Film unterscheidet sich vom normalen Kleinbildfilm in Größe (6 cm Breite) und dadurch, dass Kleinbild-Filme in der Regel immer in einer Patrone zu finden sind, Rollfilme hingegen, wie der Name schon sagt, auf einer Spule lediglich aufgerollt sind. Je nach Mittelformat passen dementsprechend unterschiedlich viele Bilder auf einen Film (6 x 4,5 cm 15 Bilder/Film, 6 x 6 cm 12 Bilder/Film), abhängig davon, welche Größe man verwendet (120er als Standard oder 220er Rollfilm). Ansonsten verhalten sich beide Filme gleich und werden auf die gleiche Weise entwickelt.
Kameraseitig gibt es so einige Unterschiede zum Kleinbild, ich werde deshalb auch nicht auf alle Kameraarten eingehen, sondern nur auf die Prominentesten. In einem Land vor unserer Zeit hat man mit zweiäugigen Spiegelreflexkameras angefangen. Diese hatten ein Objektiv für den Sucher und eines zur Erzeugung des Bildes auf dem Film. Beispiele, die auch heute gerne noch in der Bucht gehandelt werden, sind z.B. Rolleicord oder Yashica Mat 124G etc. Mitte der 60er Jahre ging man langsam dazu über, auf einäugige Mittelformatkameras umzustellen, sehr bekannt und mit die Ersten waren Hasselblad, angefangen mit den Klassikern 500C bzw. C/M und ihrer legendären 500EL (Mondaufnahme 1968) und den ebenfalls legendären Carl Zeiss Planar *T Objektiven, aber auch Mamiya RZ 67. Ein weiterer bekannter Name war Rollei, die es damals leider verschlafen hatten, rechtzeitig von den zweiäugigen auf einäugige Kameras umzustellen und deshalb weitestgehend den Anschluss verloren haben, obwohl sie mindestens genauso gute Kameras wie Hasselblad bauten (z.B. Rolleiflex SL 66 mit CZ Opitken).
Eine einäugige Mittelformatkamera weist dennoch einige Unterscheide zur KB-Spiegelreflexkamera auf. Ist in den meisten KB-Spiegelreflexkameras ein Pentaprismasucher verbaut, haben MF-Kameras in der Regel einen Lichtschachtsucher, bei dem man das Bild in Originalgröße (z.B. 6 x 4,5 cm) seitenverkehrt betrachten kann. Das klingt zwar jetzt komisch … ist aber so und vor allem ist das auch gut so, denn so lässt sich sehr exakt fokussieren. Desweiteren haben KB-Kameras in der Regel einen Schlitzverschluss in der Kamera eingebaut, MF-Kameras hingegen belichten über Zentralverschlüsse im Objektiv. Nachteil des Zentralverschlusses: Die kürzesten Verschlusszeiten liegen meist nur bei 1/500 bis 1/1000 sek. Vorteil: Die kürzeste Biltzsynchronisationszeit entspricht meist der kürzesten Verschlusszeit, da sich bei Zentralverschlüssen die Vibrationen, die beim Zurückschwingen der im Kreis angeordneten Lamellen entstehen, gegenseitig aufheben (im Gegensatz zum Schlitzverschluss im Body). Das ist der Grund warum viel DSLRs meist nur eine kürzeste Synchronisationszeit von 1/160 bis 1/250 sek haben.
Warum gibt es immernoch Leute, die es benutzen?…
Warum benutzen heute noch Leute digitale oder analoge Mittelformatkameras wie die Hasselblad H4D oder Pentax 645D? Meist deshalb, weil sie eine enorme Auflösung und ein ganz eigenes durch Kleinbild nicht zu erreichendes Format haben. Mittelformatkameras sind Profigeräte, die mit der höchsten Qualität an Objektiven aufwarten können. Aufgrund des Filmformates ergeben sich natürlich große Auflösungsreserven, die allein aus Gründen der Größe resultieren (Fläche von 6 x 4,5 cm ist 2,7 mal größer als KB, weshalb solche Kameras sehr gerne für Werbe- und Modefotografie eingesetzt werden. Lässt man ein 6 x 4,5 cm Negativ professionell mit 4000 dpi einscannen, ergibt sich eine rechnerische Auflösung von 9448 x 7086 Pixel (6 cm : 2,54 cm (inch) x 4000 dpi = 9448 Pixel, 4,5 cm : 2,54 cm x 4000 dpi = 7086 Pixel), was in digitalem Maßstab in etwa einer 66,9 MP Kamera entsprechen würde. Bei entsprechend guten Optiken entstehen so knackscharfe Bilder, die sich ohne Mühe auf Wandgröße abziehen lassen.
Was sind die Besonderheiten …
… des Films allgemein:
Das Arbeiten mit Film ist grundsätzlich nicht anders als mit einem digitalen Sensor, jedoch weist er einige Eigenheiten (ich spreche bewusst nicht von besser oder schlechter) auf. Da wäre zum Beispiel das Filmkorn, das sich durch die Entwicklung nach der Aufnahme beeinflussen lässt. Wird digitales Rauschen eigentlich immer als unangenehm empfunden, kann Filmkorn kreativ genutzt werden und es stört in der Regel in keinster Weise. Man hat versucht zu enträtseln, warum das so ist, man vermutet, dass es mit der natürlichen Anordnung des Korns zu tun hat, im Gegensatz zum linear angeordneten Sensorpixel. Ein weiterer Pluspunkt für den Film (der macht sich in der Realität auch bemerkbar) ist der extrem hohe Dynamikumfang. Steht eine Canon EOS 5D mit knapp 11 Blenden Dynamikumfang gut im Futter, erweist sich ein Fuji Velvia 50 mit 14 Blenden als wahrer Photonensammler. Bei Film ist es weit undramatischer, wenn die Belichtung nicht zu 100% richtig gewählt wurde, bzw. wo ich digital mit Filter oder HDR arbeiten muss, reicht beim Film meist 1 Bild.
... der Mittelformatfotografie …
Der Umgang, das Arbeitstempo und die Bildgestaltung sind mit einer Mittelformatkamera einfach anders. Man kann es schwer beschreiben, wenn man nicht selbst hinter solch einer Kamera gestanden und mit ihr Bilder geschossen hat. Zum einen ist fast immer ein Stativ nötig, MF-Kameras sind groß und schwer und nur begrenzt für Freihandschüsse geeignet. Der Bildaufbau lässt sich mit einer stoischen Ruhe anpassen, da der Lichtschachtsucher in Kombination mit der DOF-Vorschautaste 100% des Bildes, ohne dass man sich die Augen verdirbt, wiedergibt. Er zeigt zudem eine Art 3D Effekt, anders als beim Lifeview. Es ist einfach ein Genuss die Szenerie genau so einzustellen, wie man sie dann auf dem Bild sehen möchte, ebenso das laute an einen Schuss erinnernde Auslösegeräusch. Die Objektive besitzen noch so was wie einen Schärfering, den man auch zum Scharfstellen benutzen kann, ja sogar muss! Es ist herrlich, wie butterweich und exakt sich die Schärfe auf den Punkt legen lässt, den man einstellen möchte … Man lässt sich automatisch viel mehr Zeit mit dem Motiv und es entstehen alleine dadurch meist bessere Bilder.
Aber nun genug der Schwärmerei, ich werde zum Thema “Arbeiten mit einer Mittelformatkamera” am besten ein kleines Video drehen und in einer der nächsten Parts hochladen.
Zum Einstieg ein Paar Bilder geschossen mit einer Zenza Bronica ETR (6 x 4,5 cm) mit Fuji Velvia 50 RVP. Der Velvia wurde vor dem Auftauchen der ersten brauchbaren DSLRs mehr oder weniger zum Standard aller Landschafts und Reisefotografen, da er den höchsten Kontrastumfang, die leuchtendsten Farben und mit den höchsten Dynamikumfang bot. Die Bilder entstanden in der Nähe von Jena, neben einem alten NVA Militärgelände und in einem verlassenen Steinbruch ganz in der Nähe. Dort errichtete man 4 Plattenbauten, die nach der Wende bis Ende der 1990er Jahre dann als Asylantenwohnheime genutzt wurden, und nun verlassen vor sich hin rotten … Ein wahrer Traum für Fotografen!
Man beachte den enormen Dynamikumfang in Bild 1 und 3. (Unschärfen resultieren aus der suboptimalen “Einscannmethode” DSLR + Makroobjektiv und der Verkleinerung).



